Die Börse steigt – die Zinsrechnung auch | Sonntagsespresso 27.09.2026

Hump of the week: Alles (weiter) gut am Aktienmarkt in 2026?

Aktien rauf, Renditen rauf – normalerweise ist das keine besonders stabile Ehe an den Märkten. Trotzdem gewann der S&P 500 in dieser Woche 1,21 %, der Nasdaq sogar 2,06 %. Gleichzeitig stieg die zehnjährige US-Rendite um 17,3 Basispunkte auf 5,17 %. Die Erklärung heißt künstliche Intelligenz, robuste Konjunktur und die Hoffnung, dass sinkende Ölpreise den Inflationsdruck begrenzen. Unsere Leitthese ist klar: Die Rally kann weiterlaufen, aber sie wird schmaler, teurer und störanfälliger. Wer daraus ganz selbstverständlich einen neuen, breiten Bullenmarkt ableitet, verwechselt einen guten Motor mit einem intakten Fahrwerk.

Drei Kernaussagen

  • Technologie trägt den Markt: Der Nasdaq übertraf Europa und den breiten US-Markt deutlich. Die Marktbreite blieb jedoch wechselhaft.
  • Der Diskontsatz ist zurück: US-Renditen über 5 % und steigende Renditen in Europa und Japan erhöhen die Messlatte für jede Bewertung.
  • Öl ist Entlastung und Risiko zugleich: Brent beendete die Woche kaum verändert, schwankte aber heftig. Die Diplomatie ist offen, die Transportwege bleiben verwundbar.

Die Woche in Zahlen

Aktienindex Wochenveränderung
S&P 500 +1,21 %
Nasdaq Composite +2,06 %
STOXX Europe 600 +0,50 %
Nikkei 225 +2,07 %
Hang Seng −0,97 %

Freitagsschlüsse 18.09. bis 25.09.2026, jeweilige Indexwährung. Berechnung: Schluss/Anfang minus 1. Quellen: offizielle beziehungsweise veröffentlichte Indexdaten; Links gesammelt am Ende.

Zinsen, Währungen, Rohstoffe Woche
US-Staatsanleihen 10 Jahre +17,3 bp auf 5,17 %
Bundesanleihen 10 Jahre +7,0 bp auf 3,60 %
Dollarindex DXY +0,82 % auf 101,04
Brent November, Settlement +0,43 % auf 104,32 USD
Gold Dezember, Settlement −2,34 % auf 4.321,20 USD

Renditeänderungen in Basispunkten; DXY als Index; Rohstoffe je Kontrakt und offiziellem Settlement. WTI wird wegen des Wechsels vom Oktober- in den Novemberkontrakt nicht als scheinbar exakte Wochenrendite ausgewiesen.

Drei Entwicklungen, die zählen

1. Eine gute Konjunktur ist wieder eine schlechte Zinsnachricht

Der US-Composite-PMI stieg im September auf 58,4. Das reduziert kurzfristig das Rezessionsrisiko, erhöht aber den Druck auf die Notenbank, restriktiv zu bleiben. Die zehnjährige US-Rendite sprang über 5 %, obwohl die Fed erst in der Vorwoche den Leitzins angehoben hatte. Der Markt sagt damit: Die Wirtschaft ist robust, die Inflation nicht erledigt und Staatsfinanzierung kostet Geld. Alle drei Aussagen können gleichzeitig stimmen. Anleiheinvestoren sind offenbar nicht verpflichtet, der Aktienparty kostenlos Champagner zu liefern.

Für Aktien ist das zunächst verkraftbar, solange die Gewinnerwartungen schneller steigen als der Diskontsatz. Genau deshalb profitierten Halbleiter- und AI-Titel. Bei hoch bewerteten Unternehmen ohne belastbaren Cashflow wird die Luft dagegen dünn. Fünf Prozent sichere Rendite sind kein theoretischer Vergleichswert mehr, sondern reale Konkurrenz. Das gilt auch für Immobilien, Private Equity und jede andere Anlage, deren Ertrag weit in der Zukunft liegt.

2. Die Indizes sind stärker als ihr Unterbau

Der Nasdaq erreichte zu Wochenbeginn ein Rekordhoch, und auch der Freitag endete freundlich. Unter der Oberfläche blieb die Lage weniger überzeugend: An mehreren Tagen überwogen Verlierer, neue Tiefs und schwache Small Caps. Das ist keine Verkaufsglocke, aber eine Warnlampe. Eine Rally, die immer mehr Gewicht auf immer weniger Schultern legt, kann erstaunlich lange weitergehen. Stabiler wird sie dadurch nicht.

Japan profitierte von Technologie und einem schwachen Yen. Hongkong verlor dagegen knapp ein Prozent. Der regionale Abstand zeigt, dass „Asien“ keine einheitliche Anlageklasse ist: Japan handelt den Export- und AI-Zyklus, China weiterhin Wachstum, Immobilien und politische Risikoprämien.

3. Öl handelt Diplomatie, nicht Frieden

Brent fiel zwischenzeitlich unter 100 US-Dollar, schloss die Woche aber bei 104,32 US-Dollar. Saudi-Arabien erhöhte die Exporte über den Golf, und die Ost-West-Pipeline nahm teilweise wieder Betrieb auf. Gleichzeitig wartet Iran auf eine offizielle US-Antwort zu seinem Vorschlag für eine Öffnung der Straße von Hormus. Auch dieses Wochenende meldete Saudi-Arabien abgefangene Huthi-Raketen und Drohnen.

Die Schlussfolgerung ist unbequem, aber eindeutig: Der physische Engpass hat sich verbessert, das politische Risiko nicht. Ein dauerhaft niedrigerer Ölpreis würde Anleihen und Aktien entlasten. Ein neuer Schaden an Energie- oder Transportinfrastruktur könnte diesen Effekt binnen Stunden wieder umdrehen.

abam-Einordnung

Unser bevorzugtes Szenario ist keine sofortige Trendwende, sondern eine selektive Fortsetzung der Aktienrally bei hoher Volatilität. Dafür sprechen robuste Gewinne, der AI-Investitionszyklus und die Aussicht, dass normalere Ölströme den Inflationsdruck dämpfen. Dagegen stehen Renditen über 5 %, ein fester Dollar und eine Marktbreite, die mit den Rekordständen nicht Schritt hält.

Unsere Einschätzung würde konstruktiver, wenn die US-Zehnjahresrendite nachhaltig unter 5,0 % fällt, Brent unter 100 US-Dollar bleibt und mehr Sektoren sowie Small Caps an der Rally teilnehmen. Kritischer würden wir bei US-Renditen über 5,30 %, neuen bestätigten Schäden an Golf-Infrastruktur oder einem S&P-500-Rückfall unter 7.690 Punkte.

Für Anleger bedeutet das: Qualität und belastbare Cashflows sind wichtiger als eine möglichst fantasievolle Geschichte. Kurze und mittlere Laufzeiten bieten weiterhin vernünftige Erträge; lange Duration bleibt empfindlich. Gold ist als geopolitische Absicherung plausibel, aber kein zinsfreier Selbstläufer. Und wer Aktien nur deshalb kauft, weil sie gestern gestiegen sind, hat zwar eine Strategie – nur keine besonders originelle.

Die nächsten Termine

  • Dienstag, 29.09., 16:00 MESZ – US-JOLTS: Offene Stellen zeigen, ob der Arbeitsmarkt genug abkühlt, um den Zinsdruck zu mindern.
  • Mittwoch, 30.09., 03:30 MESZ – Chinas offizielle PMIs: Entscheidend für die Frage, ob sich Industrie und Binnenwirtschaft stabilisieren.
  • Mittwoch, 30.09., 14:30 MESZ – US-PCE-Preise und Einkommen: Der bevorzugte Inflationsmaßstab der Fed trifft direkt auf die Debatte um den nächsten Zinsschritt.
  • Donnerstag, 01.10., 16:00 MESZ – ISM-Industrieindex: Auftragseingänge und Preise geben Hinweise auf Wachstum und Kostendruck.
  • Freitag, 02.10., 14:30 MESZ – US-Arbeitsmarktbericht: Der wichtigste Test für Renditen, Dollar und die Tragfähigkeit der Technologierally.

Fazit

Diese Woche war kein Sieg der Sorglosigkeit, sondern ein Sieg der Gewinnfantasie über den Diskontsatz. Noch. Solange Unternehmensgewinne und AI-Investitionen überzeugen, kann der Markt hohe Renditen tolerieren. Eine breite Neubewertung nach oben erwarten wir bei 5,17 % US-Rendite jedoch nicht. Die richtige Haltung ist deshalb konstruktiv, aber anspruchsvoll: Risiken tragen, wo sie bezahlt werden – und nicht dort, wo nur die Geschichte gut klingt.

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Einen schönen Sonntag wünscht Ihnen Ihr Team von alpha beta asset management.

Öffentliche Quellen und Datenstand

Datenstand: 26.09.2026, 15:50 MESZ. Schlussstände und Settlements vom 25.09.2026; Wochenendmeldungen sind noch nicht in den Kursen enthalten. Keine individuelle Anlageberatung.