Hump of the week: Geopolitik und Kapitalmärkte – Neues Spiel mit neuen Regeln?

Geopolitik und Kapitalmärkte – Neues Spiel mit neuen Regeln?

Aktueller Wochenkommentar: „Geopolitik und Kapitalmärkte – Neues Spiel mit neuen Regeln?“ 

Autor: Carsten Vennemann, CFA, Geschäftsführer alpha beta asset management GmbH

Wenn politische Machtfragen die Kapitalmärkte prägen

Über die rechtliche Bewertung vieler Aktivitäten von Donald Trump muss an dieser Stelle nicht lange diskutiert werden. Fakt ist: Die regelbasierte internationale Ordnung, wie sie über Jahrzehnte Bestand hatte, wurde unter ihm weitgehend aufgekündigt. Nationale Interessen, Machtpolitik und persönliche Agenda stehen im Vordergrund.

Bemerkenswert ist jedoch etwas anderes: Trotz dieser Entwicklung haben die Kapitalmärkte Trump bislang nicht wirklich abgestraft. Selbst zwei zuletzt schwache Handelstage ändern daran nichts. Das wirft die Frage auf, warum die Märkte so gelassen reagieren – und wie belastbar diese Gelassenheit tatsächlich ist.

Vieles scheint bereits eingepreist

Ein Teil der Erklärung liegt darin, dass der Markt Trumps Politikstil inzwischen kennt. Unberechenbarkeit, Eskalation und Grenzüberschreitungen gehören zum Erwartungsraum. Überraschungen verlieren dadurch ihren Schockeffekt.

Hinzu kommen mehrere stabilisierende Faktoren: Die Aussichten für die US-Geldpolitik bleiben positiv, die großen US-Technologiekonzerne verdienen weiterhin sehr gut, und der Kapitalmarkt hat gelernt, politischen Lärm zumindest kurzfristig auszublenden. Fundamentale Treiber überlagern bislang die politische Unsicherheit.

Trump denkt in Deals, nicht in Prinzipien

Trumps Handeln folgt vielleicht weniger politischen Leitbildern als einer speziellenVerhandlungstaktik. Diese ist seit Längerem bekannt: Drohen, eskalieren, verhandeln, eine Lösung präsentieren. Genau so verlief der Handelskonflikt im Jahr 2025. Auch die jüngste Debatte rund um Grönland passt in dieses Muster.

Wichtig ist dabei: Trump kann zurückrudern. Nicht aus Einsicht, sondern wenn es seinem Selbstbild als Deal-Maker dient. Für die Märkte ist das ein zentraler Punkt, denn es begrenzt – zumindest bislang – extreme Szenarien. Vielleicht auch im Fall von Grönland.

Geopolitik: Europas strategische Fehleinschätzung

In Europa hielt sich lange die Vorstellung, man könne Trump durch Entgegenkommen oder persönliche Schmeichelei zur Vernunft bewegen. Diese Strategie, vertreten von führenden europäischen Politikern bis hin zum NATO-Generalsekretär, ist gescheitert.

Trump respektiert keine Unterordnung, sondern Gegenmacht. Wirkung entfaltet nur eine geschlossene, harte Linie. Solange Europa diese nicht findet, bleibt es strategisch verwundbar.

Ein begrenzter Hoffnungsschimmer für die Kapitalmärkte

Trump ist Narzisst, aber kein Börsenignorant. Er versteht die Bedeutung stabiler Kapitalmärkte für sein eigenes Macht- und Erfolgsnarrativ. Wenn Maßnahmen die Märkte ernsthaft destabilisieren, hat er in der Vergangenheit korrigiert.

Das ist keine verlässliche Strategie – aber eine Form der Risikobegrenzung. Für Anleger ist dieser Punkt relevant, weil er erklärt, warum extreme Marktreaktionen bislang ausgeblieben sind.

Was zunehmend beunruhigt

Besorgniserregender sind Trumps jüngste Andeutungen im Zusammenhang mit den Midterm Elections im November. Ein möglicher Machtverlust im Kongress und die damit verbundene Diskussion über ein Impeachment könnten ihn in eine gefährliche Lage bringen.

Ein politisch angeschlagener Präsident, der um seine Macht fürchtet, agiert oft unberechenbarer. Diese Eskalationsstufe wäre für Märkte deutlich schwerer zu verarbeiten als kalkulierte Deal-Taktik.

Europa braucht strategische Autonomie

China hat im Jahr 2025 vorgemacht, wie strategische Abhängigkeiten reduziert werden können. Exportströme wurden gezielt nach Europa, Asien und Afrika umgelenkt – pragmatisch, kühl und langfristig orientiert.

Europa kann daraus lernen. Strategische Autonomie bedeutet nicht Abschottung, sondern die Fähigkeit, Interessen durchzusetzen, ohne erpressbar zu sein.

4 kurze Fazits

Die zentrale Frage

Unterm Strich stellt sich weniger die Frage, ob Trump Grenzen austestet. Das tut er. Entscheidend ist vielmehr, wer – wenn überhaupt – ihn davon abhält, zu überziehen.

Diese Frage wird für Politik, Kapitalmärkte und Anleger im weiteren Verlauf des Jahres zentral bleiben.

 

 

Vennemann HiRes 5624

 

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