Hump of the week: Europa vor dem Comeback?
Aktueller Wochenkommentar: „Europas Aktienmarkt: Steht das Comeback bevor?“
Autor: Carsten Vennemann, CFA, Geschäftsführer alpha beta asset management GmbH
Die Wirtschaft der Eurozone zeigt wieder etwas mehr Dynamik. Im zweiten Quartal wuchs sie gegenüber dem Vorquartal um 0,4 Prozent, im Vergleich zum Vorjahr um 1,0 Prozent. Gleichzeitig entwickeln sich die Gewinne europäischer Unternehmen erfreulich und internationale Anleger investieren wieder verstärkt in Europa.
Noch ist daraus kein neuer Wachstumszyklus geworden.
Doch die Frage stellt sich zunehmend:
Steht Europa vor einer Trendwende oder ist die aktuelle Entwicklung nur die berühmte Schwalbe, die noch keinen Sommer macht?
Die europäische Wirtschaft zeigt ein Wachstumspflänzchen
Mit einem Wachstum von 1,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr zeigt die Wirtschaft der Eurozone trotz hoher Energiepreise und geopolitischer Belastungen wieder etwas mehr Dynamik. Von einem Boom kann noch keine Rede sein. Die Entwicklung deutet aber zumindest darauf hin, dass sich das wirtschaftliche Umfeld etwas verbessert.
Auch verschiedene Frühindikatoren entwickeln sich positiver. Entscheidend wird sein, ob daraus eine nachhaltige Erholung entstehen kann.
Neue Hoffnungen bei der Geldpolitik
Im EZB-Rat überwiegen weiterhin die Stimmen für eine restriktive Geldpolitik. Gleichzeitig wächst das Lager derjenigen, die zunächst abwarten wollen.
Eine weitere Zinserhöhung im September ist damit keineswegs ausgemacht. Für Wirtschaft und Kapitalmärkte könnte eine weniger restriktive Geldpolitik zusätzliche Unterstützung bieten.
Europas Aktienmarkt ist nicht Europas Volkswirtschaft
Bei der Beurteilung Europas lohnt sich eine wichtige Unterscheidung: Die wirtschaftliche Entwicklung einzelner europäischer Länder lässt sich nicht unmittelbar auf die Entwicklung der europäischen Börsen übertragen.
Nur gut 40 Prozent der Umsätze der Unternehmen im STOXX Europe 600 stammen aus Europa. Ein erheblicher Teil des Geschäfts wird außerhalb des Kontinents erwirtschaftet. Eine schwache deutsche Binnenkonjunktur bedeutet deshalb nicht automatisch schwache Gewinne europäischer börsennotierter Unternehmen.
Europas Börsenstruktur hat sich verändert
Auch das traditionelle Bild des europäischen Aktienmarktes greift zunehmend zu kurz. Europa steht an der Börse längst nicht mehr nur für Automobilhersteller, Chemieunternehmen und traditionelle Industrie.
Besonders deutlich wird das am Beispiel der Automobilindustrie. Sie steht weiterhin für einen erheblichen Teil der Umsätze europäischer Unternehmen, macht inzwischen aber nur noch einen Bruchteil der Börsenkapitalisierung aus.
Gleichzeitig profitieren Banken, Industrie und Infrastruktur von Entwicklungen wie höheren Zinsen, steigenden Verteidigungsausgaben, Elektrifizierung und dem Ausbau von Rechenzentren.
Europäische Unternehmen liefern
Auch fundamental gibt es positive Signale. Die Gewinne europäischer Unternehmen entwickeln sich erfreulich und gleichzeitig steigt die Rentabilität.
Das bleibt auch international nicht unbemerkt. Anleger investieren wieder verstärkt in Europa und der Bewertungsabschlag europäischer Aktien gegenüber den USA beginnt zu schrumpfen.
Damit verändert sich auch die Wahrnehmung von Europas Aktienmarkt. Das lange vorherrschende Bild eines strukturell schwächeren und weniger dynamischen Marktes wird der tatsächlichen Entwicklung zunehmend weniger gerecht.
Europas Binnenmarkt bleibt eine große Wachstumsreserve
Trotz der positiven Signale bleiben die strukturellen Hausaufgaben gewaltig. Der europäische Binnenmarkt ist noch immer nicht vollendet.
Der IWF schätzt die bestehenden Handelshemmnisse innerhalb der EU auf ein Zolläquivalent von rund 44 Prozent bei Waren und sogar 110 Prozent bei Dienstleistungen.
Eine der größten Wachstumsreserven Europas könnte deshalb im Abbau bestehender Hindernisse liegen. Weniger Regulierung und ein gemeinsamer Kapitalmarkt könnten erhebliche wirtschaftliche Kräfte freisetzen.
Politische Risiken rücken stärker in den Fokus
Hinzu kommen politische Unsicherheiten. 2027 stehen in mehreren EU-Staaten wichtige Wahlen an. Gerade in hoch verschuldeten Ländern werden damit auch Fragen der Fiskalpolitik und Reformfähigkeit zur Abstimmung stehen.
Für die europäischen Kapitalmärkte dürfte deshalb nicht nur die wirtschaftliche, sondern zunehmend auch die politische Entwicklung eine wichtige Rolle spielen.
Vier Fazits zu Europas möglichem Comeback
1. Europa überrascht positiv
Die wirtschaftliche Erholung erfolgt trotz geopolitischer Störungen und hoher Energiepreise. Gleichzeitig verbessern sich verschiedene Frühindikatoren. Noch ist daraus kein neuer Wachstumszyklus geworden, aber die Richtung stimmt.
2. Europas Aktienmarkt ist moderner als sein Image
Banken, Industrie und Infrastruktur profitieren von höheren Zinsen, Verteidigungsausgaben, Elektrifizierung und dem Ausbau von Rechenzentren. Die Struktur des europäischen Aktienmarktes hat sich verändert und das alte Bild eines vor allem von traditionellen Industrien geprägten Europas greift zu kurz.
3. Europas größter Gegner ist Europa selbst
Die vielleicht größte Wachstumsreserve liegt nicht in neuen Subventionen, sondern im Abbau bestehender Hindernisse. Ein besser funktionierender Binnenmarkt und tiefere gemeinsame Kapitalmärkte könnten erhebliche Wachstumskräfte freisetzen.
4. Die zweite Reihe entscheidet über das echte Comeback
Der EURO STOXX 50 liegt 2026 trotz des amerikanischen KI-Booms ungefähr auf Augenhöhe mit dem S&P 500. Von einem echten europäischen Comeback würde ich jedoch erst sprechen, wenn die bessere Entwicklung auch bei stärker binnenorientierten und kleineren Unternehmen ankommt.
Die zentrale Frage
Europas Großunternehmen haben ihr Comeback bereits begonnen. Schaffen es nun auch die kleineren Firmen?

Telefon 069 2731 584 72
Per E-Mail kontaktieren




