Hump of the week: Die Angst vor höheren Zinsen

Hump of the week: Die Angst vor höheren Zinsen

Aktueller Wochenkommentar: Die Angst vor höheren Zinsen

Autor: Carsten Vennemann, CFA, Geschäftsführer alpha beta asset management GmbH

Steigende Zinsen gelten seit jeher als Belastungsfaktor für die Kapitalmärkte. Umso bemerkenswerter ist die aktuelle Entwicklung: Während Gold und Bitcoin zuletzt deutlich nachgegeben haben, zeigt sich der Aktienmarkt erstaunlich widerstandsfähig.

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Warum reagieren die verschiedenen Anlageklassen so unterschiedlich? Und welcher Markt bewertet die geldpolitische Lage derzeit richtig?

Die US Kurzfristzinsen: Geldpolitik verändert die Markterwartungen

Die Rendite zweijähriger US Staatsanleihen ist seit Ende Februar von 3,38 Prozent auf 4,14 Prozent gestiegen. Kurzfristige Zinsen reagieren besonders sensibel auf Veränderungen der geldpolitischen Erwartungen und gelten deshalb als wichtiger Frühindikator.

Noch zu Jahresbeginn rechneten viele Marktteilnehmer mit zwei Zinssenkungen im Laufe des Jahres 2026. Inzwischen hat sich dieses Bild grundlegend verändert. Statt Lockerungen werden mittlerweile sogar Straffungen erwartet.

Die neue US Geldpolitik: Die Fed setzt neue Akzente

Die Kommunikation der US Notenbank unter ihrem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh hat die Erwartungen der Kapitalmärkte spürbar verändert.

Bis zum Jahresende wird inzwischen eine Zinserhöhung von rund 0,30 Prozent eingepreist. Für das Jahr 2027 bleiben die Erwartungen dagegen bislang vergleichsweise gelassen.

Die Märkte müssen sich damit auf ein Umfeld einstellen, in dem die Geldpolitik länger restriktiv bleiben könnte als noch vor wenigen Monaten angenommen.

Die Inflation: Entwarnung bleibt aus

Auch die Inflationsentwicklung liefert bislang keine eindeutigen Entspannungssignale.

Der von der Federal Reserve bevorzugte PCE Preisindex überraschte zuletzt auf Monatsbasis erneut nach oben. Gleichzeitig berichten Unternehmen wie Apple und Microsoft von steigenden Komponentenpreisen und haben erhebliche Preiserhöhungen angekündigt, teilweise um 15-25%.

Obwohl sich der Ölpreis inzwischen deutlich beruhigt hat, bleiben Zweitrundeneffekte ein ernst zu nehmender Risikofaktor für die weitere Inflationsentwicklung.

Die Staatsverschuldung: Steigende Zinsen verteuern die Refinanzierung

Der Finanzierungsbedarf der Vereinigten Staaten bleibt außergewöhnlich hoch.

Neben dem laufenden Haushaltsdefizit müssen innerhalb der kommenden zwölf Monate rund acht Billionen US Dollar refinanziert werden. Höhere Zinsen erhöhen dabei unmittelbar die Finanzierungskosten. Allein auf diese zu refinanzierenden Anleihen entfällt eine zusätzliche Zinsbelastung von rund 50 Milliarden US Dollar pro Jahr.

Je länger das Zinsniveau erhöht bleibt, desto größer wird diese Belastung für den Staatshaushalt.

Der Blick über die USA hinaus

Nicht nur die Vereinigten Staaten stehen vor geldpolitischen Herausforderungen.

Auch andere Zentralbanken geraten zunehmend unter Druck. In Japan sprechen sowohl die Währungsentwicklung als auch die konjunkturelle Lage für weitere Zinserhöhungen. Die Europäische Zentralbank könnte ihren Straffungskurs ebenfalls fortsetzen, auch wenn Christine Lagarde zuletzt versuchte, die Märkte zu beruhigen.

Überraschungen erscheinen derzeit allerdings eher in Japan als in Europa wahrscheinlich.

Vier kurze Fazits

1. Der Aktienmarkt bleibt erstaunlich gelassen

Steigende Kurzfristzinsen werden derzeit nicht als ernsthafte Gefahr wahrgenommen, solange die Unternehmensgewinne robust bleiben.

Gold und Bitcoin reagieren deutlich sensibler. Beide Anlageklassen erwirtschaften keine laufenden Erträge. Mit steigenden Geldmarktzinsen entsteht daher eine attraktivere Alternative für viele Investoren.

2. Der Anleihemarkt und die Zinstheorie

Eine restriktivere Geldpolitik mit steigenden Kurzfristzinsen senkt nach klassischer Zinstheorie die Inflationserwartungen und damit auch das langfristige Zinsniveau. Die Zinsstrukturkurve wird dadurch flacher.

Von einem solchen Umfeld profitieren vor allem Marktteilnehmer, die langfristige Finanzierungen aufnehmen.

3. Geldpolitik bleibt der entscheidende Risikofaktor

Weniger der KI Boom als vielmehr eine dauerhaft restriktive Geldpolitik könnte den Aktienmarkt bremsen.

Umso wichtiger werden in den kommenden Quartalen die Unternehmensgewinne. Das gilt insbesondere auch für Unternehmen außerhalb der großen Technologiekonzerne. Aber: Die Erwartungen sind bereits hoch!

4. Nicht jede Anlageklasse reagiert gleich

Aktien, Anleihen, Gold und Bitcoin senden derzeit unterschiedliche Signale.

Gerade deshalb bleibt Diversifikation wichtiger denn je. Gleichzeitig sollten Anleger das Zinsrisiko langer Laufzeiten und die weitere Inflationsentwicklung aufmerksam beobachten.

Die zentrale Frage:

Der Ölpreis ist bereits gefallen. Die Inflation bleibt dennoch hartnäckig. Erleben wir derzeit lediglich eine vorübergehende Phase oder den Beginn eines dauerhaft höheren Zinsniveaus?

 

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