Hump of the week: Anleihen: Überflüssiges Instrument aus vergangenen Zeiten?
Aktueller Wochenkommentar: „Anleihen: Überflüssiges Instrument aus vergangenen Zeiten?“
Autor: Carsten Vennemann, CFA, Geschäftsführer alpha beta asset management GmbH
Über Jahrzehnte galten Staatsanleihen als stabiler Gegenpol zu Aktien. Sie lieferten laufende Erträge, galten als sicherer Hafen und dienten vielen Portfolios als wichtiges Stabilisierungselement.
Doch das Umfeld hat sich grundlegend verändert.
Steigende Staatsverschuldung, höhere Inflation und dauerhaft erhöhte Finanzierungskosten stellen die klassische Rolle von Anleihen zunehmend infrage.
Die zentrale Frage lautet daher:
Sind Anleihen überhaupt noch der „sichere Hafen“ im Portfolio? Und wenn ja, welche?
Warum Anleihen lange als unverzichtbar galten
Über viele Jahrzehnte waren Anleihen fester Bestandteil nahezu jeder klassischen Investmentstrategie.
Die Kombination aus sinkenden (Langfrist-)Zinsen, expansiver Geldpolitik und massiven Anleihekäufen der Zentralbanken sorgte seit den 1990er-Jahren für einen historischen Bullenmarkt bei Anleihen.
Vor allem Staatsanleihen galten als besonders sicher. Dahinter stand die Annahme, dass Staaten im Zweifel immer zahlungsfähig bleiben, weil sie Geld drucken können.
In der Nullzinsphase führte dies teilweise sogar zu negativen Renditen – gleichzeitig stiegen die Kurse bestehender Anleihen immer weiter.
Die neue Realität: Schulden steigen weltweit
Dieses Umfeld verändert sich inzwischen deutlich.
Donald Trump war ursprünglich mit dem Ziel angetreten, die Staatsausgaben zu begrenzen. Trotz des kurzen Intermezzos von Elon Musk als „Effizienzberater“ steigen die Defizite in den USA jedoch weiter an.
Auch in Deutschland zeigt sich ein ähnliches Bild. Neue Schulden werden zunehmend unter Begriffen wie „Sondervermögen“ verbucht.
Gleichzeitig steigen die Zinslasten der Staaten spürbar an. Allein für Deutschland werden die jährlichen Zinskosten im Jahr 2030 derzeit auf rund 79 Milliarden Euro geschätzt – etwa 18 Prozent der erwarteten Steuereinnahmen (gegenüber 8% aktuell).
Damit werden Schulden und Finanzierungskosten zunehmend selbst zu einem wirtschaftlichen Risikofaktor.
Ratings spiegeln nur einen Teil der Realität wider
Die Kreditratings zeigen bereits erste Folgen dieser Entwicklung.
Die USA verfügen aufgrund ihrer hohen Verschuldung inzwischen nur noch über ein Rating im Bereich AA+/AA1. Deutschland hält zwar weiterhin die Bestnote AAA/Aaa, doch auch hier greift eine reine Betrachtung der offiziellen Staatsschulden zu kurz.
Berücksichtigt man zusätzlich langfristige Verpflichtungen wie Pensionen oder Sozialleistungen, liegt die tatsächliche Belastung deutlich höher.
Viele Investoren unterschätzen deshalb möglicherweise die strukturellen Risiken langfristig steigender Staatsverschuldung.
Die Märkte reagieren bereits
An den Anleihemärkten sind die Veränderungen längst sichtbar.
Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen stieg seit 2019 von rund minus 0,75 Prozent zeitweise auf über 3 Prozent. In den USA rentieren 30-jährige Staatsanleihen aktuell um 5 Prozent, Hypothekenzinsen liegen zwischen 6,5 und 7 Prozent.
Die Folge: Finanzierungskosten steigen weltweit – für Staaten, Unternehmen und private Haushalte.
Gerade langfristige Anleihen geraten dadurch unter Druck, weil steigende Renditen zu fallenden Kursen führen.
Kurzläufer wirken robuster
Besonders betroffen sind derzeit lange Laufzeiten.
Langfristige Anleihen reagieren empfindlich auf steigende Inflationserwartungen. Kurzlaufende oder variabel verzinsliche Anleihen wirken im aktuellen Umfeld dagegen vergleichsweise chancenreicher.
Voraussetzung bleibt allerdings, dass die Inflation nicht erneut deutlich anzieht.
Für viele Anleger verschiebt sich damit die Frage weg von „Anleihen ja oder nein?“ hin zu der Frage, welche Laufzeiten und (Kredit-)Risiken überhaupt noch sinnvoll erscheinen.
Vier zentrale Einordnungen für Anleger
Fazit 1: Die Ära fallender Langfristzinsen könnte beendet sein
Hohe Staatsverschuldung, strukturell höhere Inflation und steigende Geldmarktzinsen sprechen eher für dauerhaft höhere Renditen als für eine Rückkehr zum alten Umfeld.
Fazit 2: Staaten profitieren häufig eher von Inflation als von Preisstabilität
Inflation reduziert real den Wert bestehender Schulden. Damit steigt langfristig die Wahrscheinlichkeit finanzieller Repression oder künstlich beeinflusster Zinsstrukturen.
Fazit 3: Kurzläufer statt langer Duration?
Kurzfristige oder variabel verzinsliche Anleihen wirken im aktuellen Umfeld deutlich attraktiver als klassische Langläufer mit hoher Zinssensitivität.
Fazit 4: Der Diversifikationsmythos gerät unter Druck
Viele Anleger verlassen sich darauf, dass Anleihen größere Verluste an den Aktienmärkten ausgleichen. Die letzten Jahre haben jedoch gezeigt, dass Aktien und Anleihen durchaus gleichzeitig fallen können. Historisch betrachtet könnten die vergangenen vier Jahrzehnte sinkender Zinsen eher die Ausnahme gewesen sein.
Die zentrale Frage: Glauben Sie weiterhin an den Diversifikationsnutzen klassischer Anleihen – oder braucht das Portfolio neue „sichere Häfen“?

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