Hump of the week: Warten auf Godot?
Aktueller Wochenkommentar: „Iran-Konflikt und Kapitalmärkte: Warten auf Godot?“
Autor: Carsten Vennemann, CFA, Geschäftsführer alpha beta asset management GmbH
Die Aktienmärkte zeigen sich weiterhin erstaunlich robust. Gleichzeitig bleibt die geopolitische Lage angespannt. Gegenläufige Aussagen aus Washington, Teheran und Jerusalem wechseln sich beinahe täglich ab. Mal scheint eine diplomatische Lösung greifbar, kurz darauf werden neue Drohungen ausgesprochen.
JD Vance sieht einen dauerhaften Waffenstillstand mit dem Iran „kurz bevorstehend“, Donald Trump zögert, Benjamin Netanjahu droht mit einer Ausweitung der Angriffe und der Iran erklärt die Verhandlungen für gescheitert – nur damit Trump wiederum widerspricht.
Ein diplomatischer Durchbruch oder doch ein Käfig voller Narren?
Die Lage: Straße von Hormuz bleibt der entscheidende Faktor
Die geopolitische Aufmerksamkeit richtet sich erneut auf die Straße von Hormuz. Der Iran droht mit einer vollständigen Sperrung der strategisch wichtigen Handelsroute – ein Szenario, das dramatische Auswirkungen auf Energiepreise, Lieferketten und die Weltwirtschaft hätte.
Eine Eskalation erscheint derzeit so real wie seit Wochen nicht mehr.
Gleichzeitig versucht Teheran, über militärischen Druck auf Washington Einfluss auf das Vorgehen Israels im Libanon zu nehmen. Die Situation erinnert zunehmend an ein Schachspiel mit hohem Einsatz, bei dem mehrere Akteure unterschiedliche Interessen verfolgen.
Der Markt: Optimismus trotz geopolitischer Risiken
Während geopolitische Unsicherheiten zunehmen, zeigen sich die US-Aktienmärkte bislang weitgehend unbeeindruckt.
Der S&P 500 hat die neunte Woche in Folge mit Gewinnen abgeschlossen. Rückschläge wurden bislang konsequent gekauft. Unterstützt wird diese Entwicklung weiterhin durch die hohe Erwartungshaltung rund um künstliche Intelligenz sowie starke Unternehmenszahlen aus dem ersten Quartal.
Die Märkte setzen bislang auf Stabilität statt Eskalation.
Das Vertrauen: Höhere Kursziele trotz Unsicherheit und Iran-Konflikt
Auch auf Analystenseite bleibt die Stimmung konstruktiv.
Goldman Sachs hebt das Jahresendziel für den S&P 500 von 7.600 auf 8.000 Punkte an. Gleichzeitig steigen die Gewinnschätzungen für 2026 und 2027 weiter an.
Rund die Hälfte des erwarteten Gewinnwachstums stammt inzwischen aus KI-nahen Geschäftsmodellen. Dadurch erscheinen die Bewertungen trotz steigender Kurse weniger ambitioniert als auf den ersten Blick.
Wo liegen aktuell die Chancen?
Die Marktpositionierung wirkt inzwischen überdurchschnittlich optimistisch.
Zusätzliche Renditechancen dürften deshalb eher außerhalb der bekannten Momentum-Werte entstehen. Kleinere Marktsegmente, Spezialthemen oder unterbewertete Bereiche könnten in diesem Umfeld interessanter werden als die großen Indizes.
Gerade in fortgeschrittenen Marktphasen lohnt sich häufig ein differenzierter Blick.
„It’s the economy, baby!“
Besonders bemerkenswert bleibt die Diskrepanz zwischen Realwirtschaft und Kapitalmarkt.
Das US-Konsumentenvertrauen befindet sich auf einem Mehrjahrestief, gleichzeitig sinken die Beliebtheitswerte von Donald Trump. Dennoch erreicht die Wall Street neue Höchststände.
Dieser Widerspruch gehört aktuell zu den spannendsten Entwicklungen der laufenden Marktphase und ruft nach einer Auflösung.
Vier kurze Fazits
Fazit 1: Wir warten nicht auf Godot.
Wir warten auf eine Klärung des Iran-Konflikts und auf die Wiederöffnung der Straße von Hormuz. Eine Normalisierung des Welthandels wäre aktuell der größte positive Impuls für die Weltwirtschaft.
Fazit 2: Das Patt hält an.
Wie bereits mehrfach an dieser Stelle geschrieben: Beide Seiten haben gute Gründe, eine weitere Eskalation zu vermeiden.
Das spricht weiterhin für eine diplomatische Lösung – auch wenn der Weg dorthin holprig bleibt.
Fazit 3: Die Wall Street bleibt erstaunlich optimistisch.
Der US-Markt blendet viele geopolitische Risiken bislang aus. Die Energieautarkie der USA hilft dabei.
Die entscheidende Frage bleibt: Wird hier Realität eingepreist – oder Wunschdenken?
Fazit 4: Strategie schlägt Emotion.
Die Volatilität bewegt sich weiterhin im normalen Rahmen.
Wer investiert ist, sollte die Nerven behalten. Wer Liquidität hält, sollte auf Chancen vorbereitet sein.
Und wie so oft gilt: Die spannendsten Möglichkeiten liegen nicht immer in den größten Indizes.
Die zentrale Frage: Erwarten auch Sie eine diplomatische Lösung – oder unterschätzt der Markt die Gefahr einer erneuten Eskalation?

Telefon 069 2731 584 72
Per E-Mail kontaktieren




